Was ist die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) und warum wird sie oft unterschätzt?
Die „Schaufensterkrankheit“ ist eine umgangssprachliche Bezeichnung und eigentlich ein nicht korrekter Begriff für die Erkrankung in ihrer Gesamtheit, da „Schaufensterkrankheit“ nur ein bestimmtes Stadium der Krankheit beschreibt. Die richtige Bezeichnung – pAVK – wird als Periphere Arterielle Verschlusskrankheit entschlüsselt. Ihre Stadien reichen von Symptomfreiheit bis zur Fäulnis des Beins. Das „Schaufenster“-Stadium befindet sich genau dazwischen, um uns zu zeigen, dass etwas nicht stimmt.
Welche typischen Symptome und Warnzeichen sollte man ernst nehmen, sprich wie äußert sich die Krankheit im frühen Stadium?
Und da wären wir wieder, bei den „Schaufenstern“. Die klassischen Beschwerden sind krampfartige Schmerzen in der Wadenregion. Sie treten aber nicht sofort auf, sondern erst nach einer gewissen Gehstrecke. Dann sind sie so stark, dass man stehenbleiben muss, „die Schaufenster bewundern“. Nach einer kurzen Erholungsphase kann der Spaziergang fortgesetzt werden. Jedoch nicht für lange – nach der gleichen Strecke treten die Beschwerden wieder auf.
Wer gehört zur Risikogruppe, und welche Ursachen/Risiken spielen die größte Rolle?
Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen. Als Risikofaktoren gelten Diabetes, Bluthochdruck, Rauchen, erhöhte Cholesterin-Werte, hohes Alter. Jedoch leiden oft auch Menschen an der Erkrankung, die eine absolut gesunde Lebensweise führen. Hier gehen wir von einer genetischen Komponente aus.
Das Vorkommen der Schaufensterkrankheit in der Bevölkerung beträgt heute ca. 3 – 10%. Ab einem Alter von 70 Jahren steigt das Vorkommen auf 15 – 20%. Die Zahl der Betroffenen schätzt man weltweit auf über 200 Millionen. Allein in Deutschland sind es ca. 4,5 Millionen Menschen. Ab dem 65. Lebensjahr ist etwa jeder 5. davon betroffen – man spricht von einer Volkskrankheit.
Achtung! Oft wird dann hinter den Beschwerden ein orthopädisches Problem, z.B. Arthrose oder ein Muskelfaserriss, vermutet – man muss bei den Beschwerden auch an die Gefäße denken.
Was kann passieren, wenn die Erkrankung nicht behandelt wird? Wann wird sie akut?
Nun, das „Schaufenster“-Stadium ist, wie bereits erwähnt, nur ein Zwischenstadium, welches man dankbar als Warnzeichen betrachten sollte. Ignoriert man das, kommt es in der nächsten Phase zu Ruheschmerzen, d.h. der Schmerz im Bein oder im Fuß wird nicht mehr durch eine körperliche Aktivität ausgelöst, sondern besteht ständig. Diesem folgt dann das Nekrose-Stadium, auch als Gangrän bekannt. Die Folge hiervon wiederum kann eine Fäulnis und Blutvergiftung sein – ein zwingender Grund, die Extremität zu amputieren. Andernfalls endet das tödlich.
Welche diagnostischen Möglichkeiten bieten Sie und Ihr Team am KMG Klinikum Luckenwalde?
Wir bieten das komplette diagnostische Spektrum für diese Erkrankung an: klinische Untersuchung, Gefäß-Ultraschall, CT-Angiographie, MR-Angiographie und die klassische Katheter-Angiographie. Es sind aber nicht alle hier genannten Mittel notwendig, um die Diagnose zu sichern. In den meisten Fällen reichen unsere Hände, das genaue Zuhören dem Patienten, Ultraschall und eine der Angiographie-Methoden.
Welche modernen Therapieoptionen stehen hier zur Verfügung – von konservativ bis operativ?
Genauso ist es. In Abhängigkeit vom vorliegenden Stadium der Erkrankung und von der Variante der Gefäßverengung wird zusammen mit dem Patienten entschieden, welche Therapiemethode angewendet wird. Befinden wir uns noch im Stadium der „Schaufenster“, kann man durchaus noch ohne Operation auskommen. Alternativ steht uns die moderne minimalinvasive Variante der Gefäßreparatur zur Verfügung: die kathetergestützte Ballon-Aufdehnung der Gefäßverengung und Stentimplantation. Dies geschieht sogar in einer örtlichen Betäubung, ohne Vollnarkose. Ab dem Stadium der „Ruheschmerzen“ muss man meistens operieren.
Was unterscheidet die gefäßchirurgische Versorgung in Luckenwalde von anderen Häusern der Region? Warum sind Patient*innen bei uns in guten Händen?
Zunächst einmal sind wir die einzige Gefäßchirurgische Klinik im Landkreis Teltow-Fläming. Allein diese Tatsache macht uns aber nicht besser als die Krankenhäuser in Berlin oder Potsdam. Auch dort können Kolleg*innen gut operieren. Ich denke das, was uns ausmacht, ist dass wir hier, in Luckenwalde, dass wir nicht in starren, rein prozessgetriebenen Abläufen arbeiten, sondern uns bewusst Zeit für eine persönliche, vertrauensvolle und individuelle Begleitung unserer Patient*innen nehmen. Wir nehmen uns richtig viel Zeit, und zwar genauso viel, bis alle Unklarheiten geklärt sind, und die Patient*innen verstanden haben, was sie haben, und ein individualisierter Therapieansatz gemeinsam beschlossen ist. So ist auch die Herangehensweise an unsere Eingriffe: Wir haben keinen Zeitdruck. Wir operieren ordentlich und filigran. Wir wählen die Therapie, welche das beste Ergebnis für unsere Patient*innen liefert.
Was können Betroffene selbst tun – zur Prävention oder um ein Fortschreiten zu verhindern?
Laufen! Laufen, Laufen, Laufen. Das tägliche Gehen allein ist nahezu die wichtigste Selbsttherapie, die man über sich ergehen lassen kann. Denn durch das Gehen „über die Schmerzgrenze hinaus“ stimuliert unseren Körper zur Produktion neuer Kleinstgefäße und zur Ausweitung deren Netzes, was die Durchblutungssituation im Bein deutlich verbessern kann. Außerdem ist eine Lebensumstellung sinnvoll: das allbekannte Rauchen aufgeben, ausgewogene, fettärmere Ernährung, regelmäßige Kontrolle der Cholesterin- und Zuckerwerte. Medikamentös behilft man sich mit Fettsenkern, Antidiabetikern (strenge Diabetes-Einstellung) und Antihypertensiva (Einstellung des Bluthochdrucks). Prophylaktisch sinnvoll außerdem ist ein niedrigpotenter Blutverdünner, wie z.B. ASS oder Clopidogrel.
Ihre wichtigste Botschaft an Patient*innen?
Erstens: Konsultieren Sie frühzeitig Ihre Ärztin oder Ihren Arzt!
Zweitens: An dieser Stelle eine wichtige Anmerkung. Patient*innen, die eine „kalzifizierende“ Einengung der Gefäße in den Beinen aufweisen, haben dieses Phänomen oft nicht nur in den Beinen. Nur merken sie es eventuell zunächst hier. Gefäße haben wir nämlich auch am Herzen und im Hals mit entsprechender Versorgung des Gehirns. Das gleichzeitige Auftreten der „Kalzifizierung“ im Bein, am Herzen und im Hals tritt in bis zu 30% der Fälle auf, ohne, dass eventuell Symptome vorliegen! Folgen können aber schwerwiegend sein – Herzinfarkt oder Schlaganfall. Auf Wunsch untersuchen wir die Gefäße anderer Regionen bei unseren Patienten im Laufe des stationären Aufenthalts.