Herzrasen, Herzstolpern, Luftnot oder plötzlich weniger belastbar: Vorhofflimmern kann sich ganz unterschiedlich bemerkbar machen. Manche Menschen spüren die Herzrhythmusstörung dagegen überhaupt nicht. Gerade deshalb ist es wichtig, Vorhofflimmern rechtzeitig zu erkennen und richtig zu behandeln. Denn unbehandelt kann es unter anderem das Risiko für einen Schlaganfall und eine Herzschwäche erhöhen.
Im Rahmen der Herzwochen beantwortet Dr. Dietmar Wietholt, MBA, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie und Chefarzt der Inneren Medizin am KMG Klinikum Sondershausen, zehn wichtige Fragen rund um Vorhofflimmern – von den ersten Anzeichen über die Diagnostik bis zur Behandlung und der Frage, was Betroffene selbst für ihr Herz tun können.
1. Was genau ist Vorhofflimmern – und was passiert dabei im Herzen?
Vorhofflimmern ist eine Herzrhythmusstörung, bei der die elektrischen Signale in den Herzvorhöfen ungeordnet und sehr schnell ablaufen. Die Vorhöfe ziehen sich dadurch nicht mehr regelmäßig und koordiniert zusammen, sondern „flimmern“. Gleichzeitig wird die elektrische Erregung unregelmäßig an die Herzkammern weitergeleitet. Deshalb ist auch der Puls häufig unregelmäßig und teilweise deutlich beschleunigt.
Vorhofflimmern ist nicht automatisch ein akuter Notfall. Es sollte aber ernst genommen und ärztlich abgeklärt werden. Entscheidend sind vor allem zwei Dinge: Wir möchten mögliche Beschwerden kontrollieren und gleichzeitig Komplikationen wie einen Schlaganfall oder eine Herzschwäche verhindern.
2. Woran können Betroffene Vorhofflimmern erkennen – und warum bleibt es manchmal völlig unbemerkt?
Typische Beschwerden sind ein plötzlich auftretendes Herzrasen oder Herzklopfen, ein unregelmäßiger Puls, Herzstolpern, Luftnot, Schwindel, innere Unruhe, Müdigkeit oder eine verminderte körperliche Leistungsfähigkeit. Manche Betroffene beschreiben auch ein Druckgefühl im Brustkorb.
Allerdings gibt es ebenso Menschen, die von ihrem Vorhofflimmern gar nichts bemerken. Das ist ein wichtiger Punkt: Das Fehlen von Beschwerden bedeutet nicht automatisch, dass die Rhythmusstörung harmlos ist. Manchmal wird Vorhofflimmern erst zufällig bei einer Untersuchung oder sogar im Zusammenhang mit einem Schlaganfall entdeckt.
Deshalb lohnt es sich insbesondere bei älteren Menschen und bei bestehenden Risikofaktoren, auf den eigenen Puls zu achten. Ist er wiederholt deutlich unregelmäßig, sollte das ärztlich abgeklärt werden.
3. Wer hat ein erhöhtes Risiko, und welche Rolle spielen Bluthochdruck, Übergewicht, Alkohol und nächtliche Atemaussetzer?
Das Risiko für Vorhofflimmern steigt mit dem Lebensalter. Daneben spielen verschiedene Erkrankungen und Lebensstilfaktoren eine Rolle. Dazu gehören insbesondere Bluthochdruck, Herzschwäche, Erkrankungen der Herzklappen, Diabetes mellitus und Übergewicht.
Auch regelmäßiger beziehungsweise übermäßiger Alkoholkonsum kann Vorhofflimmern begünstigen. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die sogenannte obstruktive Schlafapnoe. Dabei kommt es während des Schlafs immer wieder zu Atemaussetzern und einer Belastung des Herz-Kreislauf-Systems.
Heute wissen wir deshalb: Es reicht nicht aus, nur die Rhythmusstörung selbst zu behandeln. Wir müssen auch die begünstigenden Faktoren erkennen und konsequent angehen. Eine gute Blutdruckeinstellung, die Behandlung einer Schlafapnoe, Gewichtsreduktion bei Übergewicht, regelmäßige Bewegung und ein zurückhaltender Umgang mit Alkohol können wesentliche Bestandteile der Therapie sein.
4. Wie wird Vorhofflimmern sicher festgestellt – und was können Pulsmessen, Smartwatch und EKG dazu beitragen?
Der eigene Puls kann einen ersten Hinweis liefern. Wenn er ohne erkennbaren Grund plötzlich schnell oder deutlich unregelmäßig ist, sollte man genauer hinschauen.
Auch moderne Smartwatches können Auffälligkeiten erkennen und auf einen möglicherweise unregelmäßigen Herzrhythmus hinweisen. Das kann besonders hilfreich sein, wenn Vorhofflimmern nur gelegentlich auftritt. Eine Smartwatch ersetzt aber keine ärztliche Diagnose.
Für die sichere Diagnose benötigen wir eine entsprechende EKG-Dokumentation. Neben dem normalen Ruhe-EKG kommen je nach Situation Langzeit-EKGs oder andere Formen einer längerfristigen Rhythmusaufzeichnung infrage. Ergänzend untersuchen wir unter anderem das Herz mit Ultraschall und prüfen mögliche Begleiterkrankungen und Risikofaktoren.
5. Warum erhöht Vorhofflimmern das Schlaganfallrisiko, auch wenn es nur gelegentlich auftritt oder keine Beschwerden verursacht?
Wenn die Vorhöfe nicht mehr koordiniert schlagen, kann das Blut dort langsamer fließen. Insbesondere im sogenannten linken Vorhofohr können sich dadurch Blutgerinnsel bilden. Löst sich ein solches Gerinnsel und gelangt über die Blutbahn ins Gehirn, kann es dort ein Gefäß verschließen und einen Schlaganfall auslösen.
Entscheidend ist dabei nicht, wie stark jemand sein Vorhofflimmern spürt. Auch ein Mensch ohne Beschwerden kann ein erhöhtes Schlaganfallrisiko haben.
Deshalb betrachten wir bei jedem Patienten individuell verschiedene Risikofaktoren. Dazu gehören beispielsweise Alter, Bluthochdruck, Herzklappenfehler, Herzschwäche oder bereits durchgemachte Schlaganfälle. Daraus ergibt sich, ob eine Behandlung zur Hemmung der Blutgerinnung sinnvoll beziehungsweise notwendig ist. Darüber hinaus wird das Risiko für Blutungsereignisse eingeschätzt und in die Therapiewahl einbezogen.
6. Wie hängen Vorhofflimmern und Herzschwäche zusammen, und können sich beide Erkrankungen gegenseitig verstärken?
Ja. Vorhofflimmern und Herzschwäche treten zum Teil gemeinsam auf und können sich gegenseitig beeinflussen.
Ein dauerhaft sehr schneller oder unregelmäßiger Herzschlag kann die Leistungsfähigkeit des Herzens beeinträchtigen und bei manchen Patienten eine bestehende Herzschwäche verschlechtern. Umgekehrt verändern sich bei einer Herzschwäche Druck- und Volumenverhältnisse im Herzen. Das kann die Entstehung von Vorhofflimmern begünstigen.
Deshalb betrachten wir nicht nur den Herzrhythmus, sondern die gesamte Herzfunktion. Wenn beispielsweise Luftnot, Wassereinlagerungen in den Beinen oder ein deutlicher Leistungsabfall auftreten, sollte untersucht werden, ob zusätzlich eine Herzschwäche vorliegt.
7. Wer braucht bei Vorhofflimmern einen Blutverdünner – und weshalb darf man ihn nicht eigenständig absetzen, wenn das Herz wieder regelmäßig schlägt?
Nicht jeder Mensch mit Vorhofflimmern benötigt automatisch eine dauerhafte gerinnungshemmende Behandlung. Ob sie erforderlich ist, hängt vor allem vom individuellen Risiko-/Nutzen-Abgleich ab.
Umgangssprachlich sprechen wir häufig von „Blutverdünnern“. Genau genommen handelt es sich um Medikamente, die die Blutgerinnung hemmen. Bei entsprechendem Risiko können sie die Wahrscheinlichkeit eines bei Vorhofflimmern durch Gerinnselbildung verursachten Schlaganfalls deutlich reduzieren.
Ganz wichtig ist: Ein solches Medikament darf nicht eigenständig abgesetzt werden – auch dann nicht, wenn das Herz nach einer Behandlung wieder regelmäßig schlägt oder das Vorhofflimmern längere Zeit nicht bemerkt wurde. Das langfristige Schlaganfallrisiko hängt wesentlich von den persönlichen Risikofaktoren ab und nicht allein davon, ob gerade Vorhofflimmern wahrgenommen wird. Über eine Änderung der Medikation sollte deshalb immer gemeinsam mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt entschieden werden.
8. Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es, vom Medikament bis zur Katheterablation?
Die Behandlung ist heute sehr individuell. Zunächst behandeln wir Begleiterkrankungen und Risikofaktoren. Gleichzeitig prüfen wir, ob eine Gerinnungshemmung zum Schutz vor Schlaganfällen notwendig ist.
Für die eigentliche Rhythmusstörung gibt es grundsätzlich 2 unterschiedliche Strategien. Bei der sogenannten Frequenzkontrolle wird das Vorhofflimmern akzeptiert und mit Medikamenten verhindert, dass das Herz dauerhaft zu schnell schlägt. Bei der Rhythmuskontrolle versuchen wir, den normalen Sinusrhythmus wiederherzustellen und möglichst zu erhalten.
Dafür stehen Medikamente, eine elektrische Kardioversion und bei geeigneten Patientinnen und Patienten eine Katheterablation zur Verfügung. Bei der Ablation werden über Katheter gezielt Bereiche im Herzen behandelt, von denen die störenden elektrischen Impulse ausgehen beziehungsweise über die sie weitergeleitet werden.
Welche Strategie am besten passt, hängt unter anderem von den Beschwerden, der Dauer und Form des Vorhofflimmerns, dem Alter, der Herzfunktion (u.a. Größe der Herzhöhlen, Klappenfehler), Begleiterkrankungen und den persönlichen Vorstellungen des Patienten ab. Diese Entscheidung treffen wir deshalb möglichst gemeinsam mit den Betroffenen.
9. Was können Betroffene selbst für ihre Herzgesundheit tun, und worauf sollten sie bei Bewegung, Sport und im Alltag achten?
Sehr viel. Bewegung ist grundsätzlich ein wichtiger Bestandteil eines herzgesunden Lebens und auch bei Vorhofflimmern in vielen Fällen ausdrücklich erwünscht. Geeignet sind beispielsweise regelmäßiges Gehen, Wandern, Radfahren oder moderates Ausdauertraining. Wie intensiv trainiert werden darf, hängt jedoch von der individuellen Situation und möglichen Begleiterkrankungen ab.
Ebenso wichtig sind eine gute Einstellung des Blutdrucks und gegebenenfalls des Diabetes, ein gesundes Körpergewicht, Nichtrauchen, ausreichend Schlaf und ein bewusster Umgang mit Alkohol. Besteht der Verdacht auf nächtliche Atemaussetzer, sollte auch dies ärztlich abgeklärt werden.
Mein Rat ist: Vorhofflimmern sollte kein Grund sein, aus Angst jede körperliche Aktivität einzustellen. Vielmehr sollten Betroffene gemeinsam mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt herausfinden, welche Belastung für sie sinnvoll und sicher ist.
10. Bei welchen Beschwerden sollte man ärztlichen Rat suchen – und bei welchen Warnzeichen sofort die 112 wählen?
Wer wiederholt einen auffällig unregelmäßigen oder schnellen Puls bemerkt oder neu unter Herzrasen, Herzstolpern, ungewöhnlicher Erschöpfung, Schwindel oder einer verminderten Belastbarkeit leidet, sollte das zeitnah ärztlich abklären lassen.
Sofort die 112 wählen sollte man bei akuten Warnzeichen, insbesondere bei starker Atemnot, Bewusstlosigkeit, ausgeprägten oder anhaltenden Brustschmerzen beziehungsweise einem starken Druckgefühl im Brustkorb oder bei Anzeichen eines Schlaganfalls.
Dazu gehören vor allem plötzlich auftretende Lähmungen oder Taubheitsgefühle einer Körperseite, ein hängender Mundwinkel, Sprach- oder Verständnisstörungen sowie plötzlich auftretende schwere Seh- oder Gleichgewichtsstörungen. In diesen Situationen zählt jede Minute. Betroffene sollten nicht selbst mit dem Auto ins Krankenhaus fahren, sondern den Rettungsdienst über die 112 verständigen.
Vorhofflimmern lässt sich heute gut behandeln
Die Diagnose Vorhofflimmern macht vielen Menschen zunächst Angst. Das ist verständlich. Wichtig ist aber zu wissen: Wir verfügen heute über sehr gute Möglichkeiten, Vorhofflimmern zu diagnostizieren, Beschwerden zu behandeln und insbesondere das Risiko schwerwiegender Folgeerkrankungen zu reduzieren.
Entscheidend ist, die Rhythmusstörung ernst zu nehmen, mögliche Risikofaktoren konsequent zu behandeln und die Therapie regelmäßig überprüfen zu lassen. Unser Ziel ist nicht nur ein möglichst stabiler Herzrhythmus. Wir möchten unseren Patientinnen und Patienten ermöglichen, trotz Vorhofflimmern möglichst sicher und aktiv zu leben.
Dr. Dietmar Wietholt, MBA
Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie
Chefarzt der Inneren Medizin
KMG Klinikum Sondershausen
Zertifikate
- Deutsche Gesellschaft für Kardiologie für Interventionelle Kardiologie
- Spezielle Rhythmologie (Elektrophysiologie und Aggregatversorgung)
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung oder Untersuchung. Bei akuten Beschwerden und insbesondere bei Verdacht auf Herzinfarkt oder Schlaganfall ist sofort der Rettungsdienst unter 112 zu verständigen.